Beschäftigte lassen ihr Privatleben nicht zu Hause, wenn ihre Schicht beginnt. Pflegeverpflichtungen, ein Nebenjob, finanzieller Druck oder schlicht zu wenig Schlaf reisen mit an den Arbeitsplatz und beeinträchtigen dort Konzentration, Reaktionsvermögen und Urteilsfähigkeit. Das ist der Kerngedanke eines Artikels der Journalistin Evelyn Long, der am 8. September 2026 in der US-Fachzeitschrift ISHN erschien und für eine breitere Betrachtung von Sicherheitsrisiken in der EHS-Praxis (Environment, Health & Safety) plädiert.
Erschöpfung ist kein Verstoß, aber ein Risiko
Die US-Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) nennt unzureichenden Schlaf, lange Arbeitswege und unregelmäßige Schichten als wesentliche Ursachen für Erschöpfung am Arbeitsplatz. Keiner dieser Faktoren stellt für sich genommen einen Verstoß gegen ein Sicherheitsprotokoll dar, doch sie beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit. Erschöpfung äußert sich laut dem Artikel in erkennbaren Anzeichen: nachlassende Konzentration, verlangsamte Reaktionen, häufiges Gähnen, Stimmungsschwankungen und abschweifende Aufmerksamkeit bei sich wiederholenden Tätigkeiten. Problematisch ist dabei, dass erschöpfte Beschäftigte selbst oft nur schwer einschätzen können, wie stark ihre Leistungsfähigkeit bereits nachgelassen hat – was gezielte Sensibilisierungsschulungen erforderlich macht.
Auch die Lebensumstände außerhalb der Arbeit zählen
Neben körperlicher Erschöpfung verweist der Artikel auf die kognitive Belastung durch finanzielle Sorgen, Pflegeverantwortung und Beziehungsprobleme – alles Faktoren, die mentale Kapazität binden, die für risikoreiche Tätigkeiten benötigt wird. Lange Pendelzeiten verringern zudem die verbleibende Zeit für Erholung, etwa Schlaf, Bewegung und Entspannung, wodurch sich Erschöpfungsrisiken weiter aufsummieren. Die Autorin empfiehlt Organisationen daher, Schlaf als Sicherheitspriorität statt als unverbindlichen Wellness-Ratschlag zu behandeln, die Erkennung von Erschöpfung in Schulungen aufzunehmen, Dienstpläne mit ausreichend Erholungszeit zu gestalten, eine Kultur zu schaffen, in der Beschäftigte Erschöpfung offen melden können, Aufklärung zu Schlafhygiene und Unterstützung bei der Anfahrt anzubieten sowie Erschöpfung standardmäßig in Unfalluntersuchungen einzubeziehen, um systemische Muster aufzudecken.
Warum das für EHS-Fachleute relevant ist
Für Sicherheitsfachleute weltweit, auch außerhalb der Vereinigten Staaten, berührt dieses Thema eine zentrale Frage: Wie weit reicht die Verantwortung eines Unternehmens für die Leistungsfähigkeit seiner Beschäftigten? Klassische Sicherheitssysteme konzentrieren sich vor allem auf Bedingungen innerhalb des Betriebs – Abläufe, Schutzausrüstung, Maschinensicherheit. Erschöpfung und private Belastungen entstehen jedoch häufig außerhalb dieses Rahmens, wirken sich aber durchaus auf das Unfallrisiko aus. Das macht das Thema branchenübergreifend relevant, von der Industrie über den Transportsektor bis zum Gesundheitswesen, unabhängig von lokalen Vorschriften. Es fügt sich in einen breiteren Trend ein, bei dem Risikomanagement nicht mehr nur Aufgaben und Anlagen betrachtet, sondern auch den Menschen, der die Entscheidungen trifft.
Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass die heutige EHS-Praxis ein „Whole-Person Risk Management“ erfordert: die Berücksichtigung der gesamten persönlichen Lebenssituation der Beschäftigten, da diese mitentscheidet, wie gut jemand am Arbeitsplatz Entscheidungen treffen kann.
Quelle: Fatigue, Off-the-Job Factors the Next Frontier for EHS Professionals, 8. September 2026, https://www.ishn.com/articles/115582-fatigue-off-the-job-factors-the-next-frontier-for-ehs-professionals
