Ablauf
Am Montag, 28. April 2025, waren 13 Personen von einem Chlorleck auf dem Gelände des Chemieunternehmens KEM ONE in Fos-sur-Mer, Frankreich, betroffen. Der Vorfall ereignete sich gegen 14:10 Uhr während Instandhaltungsarbeiten an der Chloreinheit der Anlage, auf der rund 330 Mitarbeitende anwesend waren. Zwei Mitarbeiter des Subunternehmers ORTEC demontierten ein Bauteil (einen „Trident“) aus einer Flüssigchlor-Leitung. Das Absperrventil, das die Leitung hätte isolieren sollen, erwies sich als undicht, wodurch noch ein Druck von rund 5 bar auf der Leitung lastete. Nachdem die vier Befestigungsschrauben mit einem Winkelschleifer in einem Zug durchtrennt und das Bauteil herausgezogen worden waren, kam es zu einem senkrechten Chlorstrahl. Der betroffene ORTEC-Mitarbeiter wurde zurückgeschleudert und verfing sich kurz in der Rohrkonstruktion, konnte sich jedoch selbst befreien.
Das Leck wurde nach rund einer Viertelstunde, um 14:25 Uhr, gestoppt. Von den 13 behandelten Personen wurden 9 in Krankenhäuser der Region gebracht; sieben konnten noch am selben Abend nach Hause, die übrigen zwei am Tag darauf. Der Bericht verzeichnet keine Todesfälle. Drei Messgeräte in 50 bis 120 Metern Entfernung vom Leck registrierten eine Spitzenkonzentration von 50 ppm. Laut dem Untersuchungsbericht gab es keinen Umweltschaden und kein Risiko für Anwohner; als Vorsichtsmaßnahme wurde ein benachbarter Betrieb in Windrichtung vorübergehend zum Schutz eingeschlossen.
Schlussfolgerungen
Die französische Untersuchungsbehörde BEA-RI (Bureau d’Enquêtes et d’Analyses sur les Risques Industriels) nennt im Bericht MTE-BEARI-2026-01 ein defektes Absperrventil als unmittelbare Ursache. Das handbetätigte Ventil (D03205) wies infolge mangelhafter Wartung und Kontrolle Verschmutzung und Korrosion auf und leckte dadurch rund 20 Liter Chlor pro Stunde, sodass die Leitung zum Zeitpunkt des Eingriffs nicht tatsächlich druckfrei war. Die BEA-RI betont, dass diese Art von Ventilleckage in der Industrie recht häufig vorkommt. Als zweite Ursache nennt der Bericht die unkorrekte Einhaltung der internen Anweisung zum sicheren Öffnen von Leitungskreisläufen (INS-SEC-020); eine korrekte Anwendung hätte den Unfall nach Einschätzung der Ermittler verhindert.
Darüber hinaus benennt der Bericht beitragende Faktoren: eine unvollständige, zu schnell genehmigte Arbeitsfreigabe ohne Leitungsschema, das Fehlen einer gemeinsamen Kontrolle zwischen Auftraggeber und Subunternehmer darüber, ob die Anlage tatsächlich außer Betrieb war, sowie das gleichzeitige Durchtrennen aller vier Befestigungsschrauben statt einer kontrollierten, schrittweisen Demontage. Auch fehlte Atemschutz bei den Kollegen, die in einiger Entfernung standen. Die BEA-RI verweist zudem auf organisatorische Faktoren wie eine verminderte Wachsamkeit nach einem vergleichbaren Eingriff einige Wochen zuvor, nachdem am 7. Februar 2025 eine Berstscheibe versagt hatte, sowie auf ein zu großes gegenseitiges Vertrauen zwischen Auftraggeber und Subunternehmer.
Empfehlungen
Die BEA-RI richtet Empfehlungen an beide beteiligten Parteien. KEM ONE wird als Betreiberin empfohlen, die Anweisung zum Öffnen von Leitungskreisläufen strenger zu verankern und zu validieren, den Meldeprozess für gefährliche Situationen zu überarbeiten, ein Verfahren zur gegenseitigen Überprüfung der Außerbetriebnahme mit Subunternehmern einzuführen, vor jedem Eingriff in Risikobereichen zu prüfen, ob das Personal die Gebrauchsanweisungen des Herstellers für den Atemschutz sowie die Schulungsvorgaben befolgt, und die Schutz- und Fluchtstrategie für das Personal zu evaluieren, einschließlich des möglichen Einsatzes von Fluchthauben. Außerdem wird empfohlen, regelmäßig mit der Feuerwehr zu üben und den Notfallplan zu aktualisieren.
Dem Subunternehmer ORTEC empfiehlt die BEA-RI, vor jedem Eingriff gemeinsam mit dem Auftraggeber zu überprüfen, dass eine Anlage tatsächlich druckfrei und energiefrei ist, das Tragen von Atemschutzmasken im Arbeitsbereich verbindlich vorzuschreiben, wo möglich eine kontrollierte, schrittweise Demontage (Schraube für Schraube) anstelle des gleichzeitigen Lösens aller Befestigungen zu wählen und ebenfalls vor jedem Eingriff in Risikobereichen zu prüfen, ob das Personal die Anweisungen zum Atemschutz und die Schulungsvorgaben befolgt. Die BEA-RI-Untersuchung ist eine technische Sicherheitsuntersuchung, die nicht auf die Feststellung von Schuld oder Haftung abzielt. Die Empfehlungen sind nicht bindend; die Adressaten müssen der BEA-RI jedoch innerhalb von zwei Monaten mitteilen, welche Folgen sie daraus ziehen, und diese Antwort wird veröffentlicht.
Kontext
Chlor zählt zu den Gefahrstoffen, für die die EU-Richtlinie 2012/18/EU („Seveso III“) Pflichten für Anlagen vorschreibt, die oberhalb bestimmter Schwellenwerte mit solchen Stoffen arbeiten: Sie müssen Risiken schwerer Unfälle ermitteln, beherrschen und begrenzen und über aktuelle Notfallpläne verfügen. Chlorvorfälle ereignen sich auch anderswo weiterhin: Im Mai 2025 traten bei einer Chemieanlage von Olin Corporation in Freeport, Texas (USA), rund 10.000 Pfund (etwa 4.500 Kilogramm) Chlor während eines gut dreiviertelstündigen Lecks aus, wobei vier Mitarbeiter ins Krankenhaus gebracht wurden und Anwohner vorübergehend aufgefordert wurden, drinnen zu bleiben.
Für HSE-Fachleute weltweit unterstreicht die KEM-ONE-Untersuchung ein wiederkehrendes Risiko in der chemischen Industrie: Ventile, die einen Kreislauf auf dem Papier isolieren, in der Praxis aber durch Verschleiß oder Korrosion weiter lecken. Der Bericht zeigt, dass technische Absicherung von Ventilen allein nicht ausreicht, wenn kein Arbeitsfreigabeprozess besteht, in dem Leitungsschemata, Druckkontrollen und eine gemeinsame Überprüfung zwischen Auftraggeber und Subunternehmer strukturell verankert sind. Das macht die Erkenntnisse für jeden Betreiber relevant, der mit Gefahrstoffen arbeitet, unabhängig von Land oder Branche.
Quelle: BEA-RI-Untersuchungsbericht MTE-BEARI-2026-01: Chlorleck bei KEM ONE, Fos-sur-Mer, 29. Januar 2026
Zusätzlich recherchiert: EU-Richtlinie 2012/18/EU (Seveso III) zur Beherrschung der Gefahren schwerer Unfälle mit gefährlichen Stoffen; Berichterstattung über das Chlorleck bei Olin Corporation in Freeport, Texas, im Mai 2025.

