Fehltage wegen psychischer Erkrankungen in zehn Jahren um fast 42 Prozent gestiegen
Beschäftigte in Deutschland fallen immer häufiger und immer länger wegen psychischer Erkrankungen aus. Das zeigt der Fehlzeiten-Report 2026, der jährliche Fehlzeitenbericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), des Forschungsinstituts der AOK. Die AOK (Allgemeine Ortskrankenkasse) ist einer der größten gesetzlichen Krankenversicherer Deutschlands und veröffentlicht diese Fehlzeitenuntersuchung bereits seit 1998, in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld und der Berliner Hochschule für Technik.
Die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen stieg von 284 Tagen je 100 AOK-Versicherte im Jahr 2016 auf 403 Tage im Jahr 2025 – ein Anstieg von fast 42 Prozent. Psychische Erkrankungen kamen 2025 mit durchschnittlich 14,1 Fällen je 100 Versicherte seltener vor als etwa Atemwegserkrankungen (80,3 Fälle), dauerten aber deutlich länger: im Schnitt 28,5 Tage je Fall, gegenüber 5,7 Tagen bei Atemwegserkrankungen. Laut dem Report ist der stetige Anstieg psychisch bedingter Fehlzeiten ein wesentlicher Treiber des Anstiegs der Gesamtfehlzeiten.
Burn-out nimmt stark zu, vor allem in Pflege und sozialen Berufen
Unter den psychischen Erkrankungen fällt Burn-out am stärksten auf: Die Zahl der Fehltage mit dieser Diagnose stieg von 11,0 auf 19,5 Tage je 100 AOK-Mitglieder – ein Anstieg von 77 Prozent in zehn Jahren. Die längsten Ausfallzeiten zeigen sich bei Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen, gefolgt von depressiven Episoden und wiederkehrenden Depressionen.
Das Risiko ist nicht gleich über die Berufsgruppen verteilt. Beschäftigte im Telemarketing, in der Haushalts- und Familienpflege, in der Altenpflege, in der Betreuung von Menschen mit Behinderung und in der Kinderbetreuung sind am stärksten betroffen. Laut Steffi Riedel-Heller, Professorin für Sozialmedizin und Arbeitsmedizin an der Universität Leipzig und Mitautorin des Reports, liegt das an einer Kombination aus hoher emotionaler Belastung, Verantwortung für andere Menschen, hohem Arbeitsdruck, geringem Einfluss auf die eigene Arbeit und begrenzter sozialer Unterstützung durch Kolleginnen, Kollegen oder Führungskräfte.
Die Gesamtfehlzeit der AOK-Versicherten lag 2025 bei 23,3 Tagen je Versichertem, etwas niedriger als der Höchststand von 24,5 Tagen im Jahr 2022. Helmut Schröder, Geschäftsführer des WIdO und Mitherausgeber des Reports, weist darauf hin, dass die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung die gemessenen Fehlzeiten dauerhaft erhöht hat. Er betont zudem, dass Sorgen über die eigene wirtschaftliche Lage und die Angst vor Arbeitslosigkeit mit Niedergeschlagenheit, Wut und Erschöpfung einhergehen. Angesichts der anhaltend angespannten wirtschaftlichen Lage in Deutschland erwartet er, dass diese psychische Belastung – und damit die Fehlzeiten – weiter zunehmen kann. Er spricht sich für unterstützende Angebote in Unternehmen aus, die die Situation für Betriebe, Führungskräfte und Beschäftigte erleichtern.
Kontext
Dass psychische Erkrankungen ein wachsendes arbeitsbedingtes Risiko darstellen, ist kein rein deutsches Phänomen. Die europäische Erhebung „OSH Pulse 2025″ der EU-OSHA (Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit), veröffentlicht am 10. Oktober 2025 rund um den Welttag der seelischen Gesundheit, zeigt, dass 29 Prozent der Beschäftigten in der Europäischen Union unter Stress, Depressionen oder Angstzuständen leiden. Mehr als 40 Prozent der europäischen Beschäftigten erleben dabei starken Zeitdruck, und etwa ein Drittel hat das Gefühl, dass die eigenen Anstrengungen bei der Arbeit unbemerkt bleiben.
Die deutschen Zahlen fügen sich damit in ein breiteres europäisches Muster ein: Arbeitsdruck, hohe emotionale Anforderungen und begrenzte Anerkennung werden in mehreren Ländern als Treiber psychisch bedingter Fehlzeiten genannt. Für Arbeitgeber und politische Entscheidungsträger weltweit unterstreicht dies die Notwendigkeit, psychosoziale Risiken genauso ernst zu nehmen wie physische Sicherheitsrisiken: frühzeitige Erkennung, ausreichender Einfluss auf die eigene Arbeit und zugängliche Unterstützung können dazu beitragen, langwierige Ausfälle zu verhindern.
Quelle: AOK-Fehlzeiten-Report 2026: Psychische Erkrankungen verursachen immer längere Arbeitsausfälle, 13. Oktober 2026
Zusätzlich recherchiert: EU-OSHA, „OSH Pulse 2025″

