Beschäftigte, die sowohl starkem Zeitdruck als auch hohen emotionalen Anforderungen am Arbeitsplatz ausgesetzt sind, haben ein mehr als verdoppeltes Risiko für depressive Symptome im Vergleich zu Beschäftigten ohne diese Kombination. Das zeigt eine neue Studie des Nationale Forskningscenter for Arbejdsmiljø (NFA), des dänischen nationalen Forschungszentrums für Arbeitsumgebung, veröffentlicht am 9. Oktober 2026. Auffällig ist, dass sich die beiden Risikofaktoren offenbar gegenseitig verstärken, statt sich einfach zu addieren.
Was fanden die Forschenden heraus?
Die Forschenden analysierten Daten von mehr als 18.000 dänischen Beschäftigten, die zwischen 2012 und 2018 an der landesweiten Erhebung Arbejdsmiljø og Helbred (Arbeitsumgebung und Gesundheit) teilnahmen. Sie verknüpften die Arbeitsbedingungen zu Beginn mit depressiven Symptomen zwei Jahre später, erfasst mittels eines standardisierten Fragebogens. Teilnehmende, die zu Beginn bereits depressive Symptome aufwiesen, wurden ausgeschlossen, sodass sich die Studie auf neu auftretende Symptome konzentriert. Es wurde für Geschlecht, Alter, Bildung und Berufsgruppe korrigiert.
Beschäftigte, die sowohl eine hohe Arbeitsbelastung mit Zeitdruck als auch hohe emotionale Anforderungen angaben, hatten ein mehr als doppelt so hohes Risiko, depressive Symptome zu entwickeln. Laut NFA gingen auch die Kombinationen hoher körperlicher Anforderungen mit hohen emotionalen Anforderungen sowie körperlicher Anforderungen mit Zeitdruck mit einem mehr als verdoppelten Risiko einher. Am stärksten hing jedoch die Kombination aus Zeitdruck und emotionalen Anforderungen mit depressiven Symptomen zusammen.
Anforderungen verstärken sich gegenseitig
Laut der Erstautorin wäre bei einer einfachen Addition der beiden Risikofaktoren eine Verdopplung des Risikos zu erwarten. Das ermittelte Risiko liegt jedoch höher, wenn beide Anforderungen gleichzeitig vorliegen. Es scheint sich also um einen verstärkenden Effekt zu handeln, nicht um eine Summe. Die Forschenden betonen, dass es sich um einen statistischen Zusammenhang handelt: Die Studie zeigt ein erhöhtes Risiko, keinen Beweis dafür, dass Zeitdruck und emotionale Belastung Depressionen direkt verursachen. Zudem weisen sie auf Einschränkungen hin: Die Daten wurden von den Teilnehmenden selbst angegeben, und es geht um depressive Symptome, nicht um klinische Diagnosen.
Was können Arbeitgeber tun?
Hohe emotionale Anforderungen treten vor allem im Pflege- und Sozialsektor, im Bildungswesen und im Gesundheitswesen auf: Branchen, in denen persönlicher Kontakt mit Patienten, Klienten oder Schülerinnen und Schülern schwer zu vermeiden ist. Die Forschenden raten Arbeitgebern daher, vor allem die andere Seite der Gleichung zu betrachten: Haben Beschäftigte zu viele Aufgaben oder zu wenig Zeit, um ihre Arbeit gut zu erledigen, und lässt sich das anpassen? Ihrer Ansicht nach kann es helfen zu verhindern, dass Beschäftigte mehrere belastende Anforderungen gleichzeitig erleben.
Kontext
Dass psychosoziale Belastung am Arbeitsplatz ein breites europäisches Problem ist, zeigen auch Zahlen der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA). Laut der OSH-Pulse-Erhebung 2025 erleben 29 Prozent der Beschäftigten in der EU arbeitsbedingten Stress, Depressionen oder Angst. Mehr als 40 Prozent der Befragten berichten von starkem Zeitdruck, und etwa jeder Dritte hat das Gefühl, dass die eigenen Anstrengungen nicht wahrgenommen werden. Zeitdruck ist damit auch auf europäischer Ebene ein häufiger psychosozialer Risikofaktor.
Für Arbeitgeber und Präventionsfachleute unterstreichen die dänischen Erkenntnisse, dass es sinnvoll sein kann, psychosoziale Risiken nicht getrennt voneinander zu bewerten. Wer bei einer Risikobeurteilung nur einzelne Faktoren betrachtet, kann die Kombination aus Arbeitsbelastung, emotionaler Beanspruchung und körperlichen Anforderungen übersehen.
Quelle: Zeitdruck kombiniert mit hohen emotionalen Anforderungen am Arbeitsplatz lässt das Depressionsrisiko steigen, 9. Oktober 2026
Zusätzlich recherchiert: EU-OSHA, OSH Pulse 2025

