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Norwegische Aufsicht widerlegt drei Mythen zum Arbeitsklima

Leerer Besprechungsraum mit Tisch und Stühlen
SymbolbildPawel Chu — Unsplash (Meeting space table)

Im Vorfeld der Europäischen Woche für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz (19.-24. Oktober 2026) hat die norwegische Arbeitsaufsichtsbehörde Arbeidstilsynet drei verbreitete Missverständnisse über das psychosoziale Arbeitsumfeld zusammengestellt. Seit dem 1. Januar 2026 sind die norwegischen Vorschriften in diesem Bereich expliziter: Das psychosoziale Arbeitsumfeld muss nun ausdrücklich Teil der regulären Arbeitsschutzarbeit norwegischer Unternehmen sein. Laut Arbeidstilsynet gehen viele Arbeitsplätze damit gut um, bei anderen geht es jedoch schief bei der Frage, was genau untersucht werden muss, welche Maßnahmen nötig sind und wer dabei einbezogen werden soll.

Irrtum 1: Es liegt im Kopf des Beschäftigten

Eine verbreitete Annahme ist, dass Probleme mit dem psychosozialen Arbeitsumfeld vor allem persönlicher Natur seien. Arbeidstilsynet weist dies durch seine Direktorin Ingvill Kvernmo zurück: Die Erfahrungen der Beschäftigten sind real, entstehen aber in der Regel dadurch, wie die Arbeit selbst organisiert, geplant und ausgeführt wird. „Wenn wir beim psychosozialen Arbeitsumfeld erfolgreich sein wollen, müssen wir verstehen, was in der Arbeit selbst die Belastung verursacht“, sagt sie. Meldet ein Beschäftigter, dass die Aufgaben nicht innerhalb der Arbeitszeit zu bewältigen sind, kann eine unmittelbare Entlastung nötig sein, doch der Arbeitgeber muss auch zugrunde liegende Ursachen wie Arbeitsbelastung, Personalausstattung und unklare Prioritäten betrachten. Eine einzelne Meldung kann laut Kvernmo auf ein umfassenderes Problem hinweisen: „Wer sich meldet, kann der Erste sein, der den Arbeitgeber auf ein Problem aufmerksam macht, das für mehrere Personen gilt.“

Irrtum 2: Beschäftigte müssen widerstandsfähiger werden

Ein zweites Missverständnis ist, dass ein gutes psychosoziales Arbeitsumfeld vor allem davon abhängt, die Widerstandsfähigkeit der Beschäftigten zu trainieren. Bewältigungskurse und Stressmanagement können nützlich sein, doch wenn die Belastung aus der Arbeit selbst entsteht, muss der Arbeitgeber laut Arbeidstilsynet die Arbeitsbedingungen anpassen. Ein Beispiel ist das Pflegeheim: Personal, das mit aggressiven oder verletzlichen Bewohnern konfrontiert ist, braucht Unterstützung, ausreichend Kolleginnen und Kollegen und Zeit zur Erholung. Der Arbeitgeber muss dafür sorgen, dass die Arbeit selbst verantwortbar ist, statt Beschäftigte so widerstandsfähig zu machen, dass sie jede Belastung ertragen.

Irrtum 3: Nur die Führungskraft kann es lösen

Das dritte Missverständnis besagt, dass die Verantwortung für das psychosoziale Arbeitsumfeld ausschließlich bei der Führungskraft liegt. Der Arbeitgeber trägt zwar die Hauptverantwortung, doch Präventionsarbeit muss laut Arbeidstilsynet gemeinsam mit Beschäftigten, Sicherheitsbeauftragten (verneombud) und Gewerkschaftsvertretern erfolgen. Beschäftigte haben dabei auch eine eigene Mitwirkungspflicht. „Gute Beteiligung bedeutet nicht, dass die Führungskraft die Verantwortung abgibt“, so Kvernmo. Es geht darum, das Wissen der Beschäftigten zu nutzen, um zu besseren Entscheidungen zu kommen.

Kontext

Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit (EU-OSHA) startete 2026 die Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze“ 2026-2028, „Gemeinsam für die psychische Gesundheit bei der Arbeit“. Laut EU-OSHA berichten 45 Prozent der Beschäftigten in der EU von Risiken für ihr psychisches Wohlbefinden am Arbeitsplatz, und 29 Prozent erleben arbeitsbedingten oder -verschärften Stress, Angst oder Depressionen. Die Kampagne stellt fest, dass Arbeitgeber oft zögern, psychosoziale Risiken anzugehen, unter anderem wegen fehlendem Wissen oder fehlenden Mitteln.

Das norwegische Beispiel zeigt, wie nationale Regulierung die breitere europäische Aufmerksamkeit für psychosoziale Risiken in konkrete Aufsicht am Arbeitsplatz übersetzt. Für EHS-Fachleute weltweit bietet die Dreiteilung von Arbeidstilsynet – Organisation statt Individuum, Anpassung der Arbeit statt ausschließlich Resilienztraining, und geteilte Verantwortung statt allein durch das Management – einen praktischen Prüfrahmen, der auch außerhalb Norwegens und der EU nutzbar ist.

Quelle: Er det de ansatte som må tåle mer eller jobben som må endres? Tre misforståelser om psykososialt arbeidsmiljø, 19. Oktober 2026

Zusätzlich recherchiert: EU-OSHA, Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze“ 2026-2028 („Gemeinsam für die psychische Gesundheit bei der Arbeit“), Pressemitteilung.

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