Die norwegische Arbeitsaufsichtsbehörde Arbeidstilsynet überwacht die Gastgewerbe- und Hotelbranche in Norwegen. Aus 180 Kontrollen im Jahr 2026 geht hervor, dass viele Betriebe ihre Arbeitsrisiken nicht ausreichend erfassen, obwohl diese Risiken zu gesundheitlichen Beschwerden beim Personal führen können.
Was stellte die Arbeitsaufsicht fest?
Arbeidstilsynet hat in diesem Jahr bislang 180 Kontrollen im Beherbergungs- und Gastgewerbe durchgeführt, mit dem Schwerpunkt, ob Betriebe systematisch Muskel-Skelett- und psychische Beschwerden bei Beschäftigten vorbeugen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Bei mehr als 80 Prozent der Kontrollen stellte die Aufsichtsbehörde einen Verstoß gegen das Arbeitsschutzgesetz fest. Bei mehr als 6 von 10 Kontrollen betraf dies Verstöße bei der Risikobeurteilung und den zugehörigen Maßnahmen; diese Analysen waren oft nicht konkret genug, um wirksame Maßnahmen festzulegen. Bei fast 4 von 10 Kontrollen wurden Verstöße bei den Verfahren zur Meldung und Nachverfolgung von Abweichungen festgestellt.
Direktorin Ingvill Kvernmo von Arbeidstilsynet erklärt, dass viele Betriebe die Risikofaktoren für Gesundheitsbeschwerden nicht angemessen erfassen und bewerten und dass vielen Betrieben klare Verfahren zur Meldung und Nachverfolgung von Abweichungen fehlen. Ihrer Ansicht nach müssen Betriebe die Risiken ihrer eigenen täglichen Praxis kennen; das führt zu sichereren Arbeitsplätzen, weniger Gesundheitsbeschwerden und weniger Krankheitsausfällen.
Warum ist das Gastgewerbe besonders risikobehaftet?
Laut Arbeidstilsynet ist die Branche von vielen Kleinbetrieben, hoher Personalfluktuation und Phasen hoher Arbeitsbelastung geprägt, mit vergleichsweise vielen jungen und ausländischen Beschäftigten. Risikofaktoren sind ein hohes Arbeitstempo, Schicht- und Nachtarbeit, körperlich schwere Arbeit, schwierige Kundensituationen sowie das Risiko von Gewalt, Drohungen oder unerwünschter sexueller Aufmerksamkeit. Die Aufsicht weist darauf hin, dass sexuelle Belästigung ein bekanntes Problem ist, während viele Betriebe keine Richtlinie zur Vorbeugung oder Reaktion darauf haben.
Was müssen Arbeitgeber tun?
Arbeidstilsynet betont, dass Einzelmaßnahmen, etwa ein Ergonomiekurs für eine Zimmerreinigungskraft im Hotel, wenig bewirken, wenn Arbeitsmethoden, Hilfsmittel und Arbeitsbelastung unverändert bleiben. Dieselbe Logik gilt für psychosoziale Risiken: Schulung allein reicht ohne strukturelle Anpassungen nicht aus. Die Aufsichtsbehörde führt dieses Jahr mehr Kontrollen in der Branche durch und lädt Führungskräfte, Sicherheitsbeauftragte und Gewerkschaftsvertreter im Oktober 2026 zu digitalen Informationsveranstaltungen ein, mit praktischen Tipps für eine präventive Arbeitsschutzpolitik. Eine Geldstrafe oder Frist wird in der Mitteilung nicht genannt.
Kontext
Auch europäische Untersuchungen weisen auf Problempunkte in dieser Branche hin. Laut der ESENER-Erhebung der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit (EU-OSHA) führen etwa 71 Prozent der Betriebe im Beherbergungs- und Gastgewerbe der EU-27 regelmäßig Risikobeurteilungen durch, geringfügig unter dem branchenübergreifenden Durchschnitt von 75 Prozent. EU-OSHA nennt repetitive Bewegungen sowie das Heben oder Bewegen schwerer Lasten als wichtige Risikofaktoren der Branche. Die von Arbeidstilsynet in Norwegen festgestellten Probleme stehen also nicht für sich allein.
Für HSE-Fachleute weltweit veranschaulicht diese norwegische Kontrollerhebung ein wiederkehrendes Muster im Gastgewerbe und der Hotelbranche: Risikobeurteilungen, die zu allgemein oder zu oberflächlich sind, und Meldeverfahren für Abweichungen, die fehlen oder nicht genutzt werden. Da die Branche überall durch kleine Betriebe, hohe Personalfluktuation, Spitzenbelastungen und eine junge, vielfältige Beschäftigtenstruktur geprägt ist, sind konkrete, aktuelle Risikobeurteilungen und funktionierende Meldeverfahren für Vorfälle und unerwünschtes Verhalten für jede Organisation im Beherbergungs- und Gastgewerbe relevant, unabhängig vom Land.
Quelle: Arbeidstilsynet verstärkt den Einsatz für ein besseres Arbeitsumfeld im Beherbergungs- und Gastgewerbe, 8. Oktober 2026
Zusätzlich recherchiert: EU-OSHA, Accommodation and food service activities: evidence from the European Survey of Enterprises on New and Emerging Risks (ESENER)

