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Kanadische Polizei schult Ermittlung tödlicher Arbeitsunfälle

Richterhammer auf einem Gesetzbuch, Symbol für juristische Ermittlungen
SymbolbildSasun Bughdaryan — Unsplash (rechterhamer en wetboek, symbolisch beeld)

Ab Dezember erhalten kanadische Polizeibehörden eine neue Schulung, um festzustellen, wann ein tödlicher Arbeitsunfall über einen Verstoß gegen das Arbeitsschutzrecht hinausgeht und strafrechtliche Fahrlässigkeit darstellt. Der Kurs wurde von dem Arbeitspsychologen Robert Stewart aus Calgary (Alberta, Kanada), Consulting Director des John Petropoulos Memorial Fund, entwickelt und wird über das Canadian Police Knowledge Network verbreitet, einschließlich einer französischen Übersetzung.

Protokolle, die es nie gab

Der Kurs richtet sich an Polizeibeamte, Crown-Staatsanwälte und Aufsichtsbehörden für Arbeitssicherheit. Laut Stewart fügte das kanadische Parlament 2004 zwar die sogenannten Westray-Bestimmungen in das Strafgesetzbuch (Criminal Code) ein, doch Polizeibehörden wurden dafür nie geschult oder finanziert. Dadurch fehlten Protokolle, um einen tödlichen Arbeitsunfall strafrechtlich zu bewerten. Stewart verweist auf einen Fall aus dem Jahr 2009 in Calgary, bei dem ein Kleinkind starb, als ein Metallbündel von einer Baustelle fiel. Damals folgten keine strafrechtlichen Anklagen, sondern lediglich Bußgelder nach Provinzrecht. Stewart entwickelte daraufhin zusammen mit dem Calgary Police Service ein Protokoll für die strafrechtliche Untersuchung von Arbeitstoten; aus dieser Arbeit entstand der neue Kurs.

Drei Säulen für Ermittler

Die Schulung beruht auf drei Säulen: den rechtlichen Elementen strafrechtlicher Fahrlässigkeit und der Haftung von Organisationen, Sicherheitsmanagementsystemen als Maßstab für das Angemessene sowie menschlichen und organisatorischen Faktoren wie Unternehmenskultur und Entscheidungsfindung unter konkurrierenden Prioritäten. Eine juristische Prüfung wurde von Professorin Jennifer Quaid von der University of Ottawa durchgeführt. Laut Stewart sind sich Arbeitgeber ihrer strafrechtlichen Risiken oft nicht bewusst oder stehen ihnen skeptisch gegenüber. Ein bestandenes Audit, eine niedrige Unfallquote oder eine gute Bewertung als Auftragnehmer sagen seiner Ansicht nach wenig aus: Ermittler werden prüfen, wie Sicherheitsprogramme am Arbeitsplatz tatsächlich funktionieren, nicht nur, was auf dem Papier steht. Er nutzt das Bild des bekannten Aufmerksamkeitsexperiments: „60 Prozent der Menschen sehen den Gorilla nicht“ – Beamte, die bei einem Arbeitsunfall nur auf klassische Gewalt achten, übersehen seiner Ansicht nach oft die Hinweise auf organisatorische Fahrlässigkeit und geben die Akte an eine Aufsichtsbehörde weiter, die kein Strafverfahren einleiten kann.

Zahlen der Gewerkschaft United Steelworkers zeigen, wie begrenzt die Anwendung des Gesetzes bislang ist: In zwanzig Jahren führten die Westray-Bestimmungen zu 27 Anklagen und 12 Verurteilungen. Der Toronto Police Service und der Kingston Police Service machen Westray-Schulungen inzwischen für ihre Beamten verpflichtend; sieben Empfehlungen für eine breitere Pflichtschulung liegen derzeit der Bundesregierung vor.

Kontext

Die Westray-Bestimmungen gehen auf das Unglück in der Westray-Kohlemine im Pictou County (Nova Scotia, Kanada) zurück, wo am 9. Mai 1992 26 Bergleute durch eine Explosion von Methangas und Kohlestaub starben, trotz vorheriger Sicherheitswarnungen von Arbeitnehmern, der Gewerkschaft und Inspektoren. Infolgedessen trat am 31. März 2004 Bill C-45 in Kraft, eine Änderung des Strafgesetzbuchs, die regelt, wie Organisationen für das Handeln ihrer Vertreter strafrechtlich haftbar gemacht werden können, und die jedem, der die Arbeit anderer leitet, eine gesetzliche Sorgfaltspflicht auferlegt.

Das kanadische Beispiel veranschaulicht ein Problem, das in mehreren Rechtssystemen auftritt: Strafrecht, das Organisationen für tödliche Arbeitsunfälle haftbar machen kann, besteht auf dem Papier oft schon lange, bevor es in der Praxis angewendet wird, weil Ermittlungsbehörden dafür nicht systematisch ausgerüstet sind. Diese Lücke zwischen Gesetzestext und Verfolgungskapazität kann auch in anderen Ländern mit spezifischer Gesetzgebung zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Unternehmen auftreten, etwa im Vereinigten Königreich. Eine gezielte Schulung für die ersten Ermittler vor Ort kann daher für den Ausgang eines Falls genauso entscheidend sein wie das Gesetz selbst.

Quelle: New Westray law course trains police to investigate workplace deaths, 21. Oktober 2026

Zusätzlich recherchiert: Department of Justice Canada, Criminal liability for workplace deaths and injuries – Background on the Westray Law

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