Welche Branchen sind am stärksten betroffen?
In Großbritannien (England, Schottland und Wales; Nordirland ist in diesen Zahlen nicht enthalten) starben nach vorläufigen Zahlen der britischen Arbeitsschutzbehörde Health and Safety Executive (HSE) im Berichtsjahr 2025/26 126 Beschäftigte bei Arbeitsunfällen. Die endgültigen Zahlen werden im Juli 2027 veröffentlicht. Die meisten tödlichen Unfälle ereigneten sich im Baugewerbe mit 25 Todesfällen, gefolgt von Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei mit 22 Todesfällen. Danach folgen das verarbeitende Gewerbe (18 Todesfälle) und Transport und Lagerei (15 Todesfälle). Laut denselben HSE-Zahlen sind Abstürze aus der Höhe mit 31 Todesfällen – etwa ein Viertel aller Fälle – die häufigste Todesursache, gefolgt vom Erfasstwerden durch ein fahrendes Fahrzeug (24 Todesfälle) und vom Getroffenwerden durch einen bewegten Gegenstand (21 Todesfälle).
Warum führen bekannte Risiken immer wieder zu Todesfällen?
Diese Frage stellt die Fachzeitschrift ISHN anhand eines Kommentars von Nathan Jones, Geschäftsführer des britischen Risikomanagement- und Versicherungsberatungsunternehmens Stallard Kane. Dabei handelt es sich um die Einschätzung eines kommerziellen Anbieters, nicht um eine Position der HSE: Das Unternehmen hat ein kommerzielles Interesse daran, Risikomanagementdienstleistungen anzubieten. Jones zufolge sind die Risiken hinter tödlichen Unfällen seit Jahrzehnten bekannt – trotz Gesetzgebung, Richtlinien und jahrelanger Erfahrung in der Branche. Ein schwerer Unfall entstehe seiner Ansicht nach selten durch einen einzigen Fehler, sondern meist durch das Zusammenwirken mehrerer kleinerer Mängel: eine veraltete Risikobeurteilung, mangelhafte Schulung oder Aufsicht, nie überprüfte Arbeitsverfahren, ein schwaches Management von Subunternehmern und unzureichende Kommunikation auf der Baustelle.
Jones betont im ISHN-Artikel, dass das Vorhandensein von Richtlinien und Verfahren nicht automatisch bedeutet, dass Schutzmaßnahmen in der Praxis auch tatsächlich wirken. Risikomanagement dürfe seiner Meinung nach keine reine Papierübung sein: Dokumente müssten regelmäßig überprüft werden, weil sich Arbeitsplätze, Personal und Arbeitsabläufe ständig verändern. Nach einem schweren Vorfall oder einem Schadensfall plädiert er für eine gründliche Ursachenanalyse, einschließlich der Überarbeitung von Risikobeurteilungen, zusätzlicher Schulungen und strengerer Kontrollen von Subunternehmern, um eine Wiederholung zu verhindern.
Kontext
Abgesehen von den Pandemiejahren 2019/20 bis 2021/22 ist die Gesamtzahl von 126 vorläufig die niedrigste je in einem einzelnen Jahr erfasste Zahl, wie die Fachzeitschrift Scaffmag unter Berufung auf HSE-Daten berichtet – verglichen mit 217 Todesfällen im Jahr 2005/06 und 495 im Jahr 1981. Die HSE selbst weist darauf hin, dass sich der langfristige Rückgang in den vergangenen Jahren abgeflacht hat. Dass Abstürze aus der Höhe ein strukturelles Risiko darstellen, ist kein spezifisch britisches Phänomen: Laut der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit (EU-OSHA) kommen Abstürze aus der Höhe vor allem im Baugewerbe häufig vor, und die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Ausgangs steigt mit der Absturzhöhe. Leitern sind laut EU-OSHA an mehr als einem Viertel aller Sturzunfälle am Arbeitsplatz beteiligt.
Was bedeutet das für HSE-Fachleute weltweit?
Für Sicherheitsfachleute weltweit bestätigen diese Zahlen ein bekanntes Muster: Abstürze aus der Höhe, das Erfasstwerden durch Fahrzeuge oder Gegenstände sowie Risiken im Bau- und Agrarsektor zählen auch anderswo zu den wichtigsten Ursachen tödlicher Arbeitsunfälle. Dass diese Risiken seit Jahrzehnten bekannt sind, macht sie nicht weniger hartnäckig. Die britischen Zahlen unterstreichen, dass Richtlinien auf dem Papier nicht ausreichen; Schutzmaßnahmen müssen aktiv gepflegt, überprüft und an veränderte Bedingungen vor Ort angepasst werden. Das gilt für Organisationen in jeder Branche und jedem Land, nicht nur für Bau- und Landwirtschaftsbetriebe in Großbritannien.
Quelle: Britain’s Most Serious Workplace Risks Are Nothing New So Why Are They Still Causing Fatalities?, 2. November 2026
Zusätzliche Quellen: HSE, Work-related fatal injuries in Great Britain, Scaffmag, Falls from height account for quarter of all work deaths, HSE says,EU-OSHA OSHwiki, Working at height

