Ein neuer Untersuchungsbericht bezeichnet den Umgang der kanadischen Provinz Alberta mit einem großen Corona-Ausbruch in einer Fleischverarbeitungsfabrik in High River, Kanada, im Jahr 2020 als „katastrophales Versagen“. Der Bericht „Essential and Expendable“, veröffentlicht vom Parkland Institute, kommt zu dem Schluss, dass sowohl die Arbeitsschutzbehörde als auch die Gesundheitsbehörde beim Schutz der Beschäftigten versagt haben. Die Untersuchung erschien mehr als sechs Jahre nach dem Ausbruch; in früheren offiziellen Auswertungen der Corona-Pandemie kam das Thema nicht zur Sprache.
Was ist geschehen?
Im Frühjahr 2020 brach in der Rindfleischverarbeitungsanlage des US-Lebensmittelkonzerns Cargill in High River ein Corona-Ausbruch aus, der als größter Ausbruch an einem einzelnen Industriestandort in Nordamerika gilt. Mehr als 950 Beschäftigte, knapp 45 Prozent der Belegschaft, wurden positiv getestet. Achtzehn Beschäftigte wurden ins Krankenhaus eingeliefert, acht davon auf die Intensivstation. Zwei Beschäftigte starben an den Folgen der Infektion; darüber hinaus starben vier enge Kontaktpersonen infizierter Beschäftigter. Die Fabrik schloss am 20. April 2020 und öffnete am 4. Mai wieder.
Am 18. April 2020, zwei Tage vor der Schließung, erklärte der oberste Amtsarzt der Provinz gegenüber den Beschäftigten, Ansteckungen fänden „in Haushalten und Fahrgemeinschaften statt, nicht am Fließband“. Laut dem Bericht war dem zu diesem Zeitpunkt keine epidemiologische Analyse des regionalen Gesundheitsdienstes Alberta Health Services (AHS) vorausgegangen. Eine Inspektion durch die Arbeitsschutzbehörde am 15. April, die nach einem Antrag der Gewerkschaft UFCW Local 401 erfolgte, war eine dreißigminütige „virtuelle Inspektion“ per Telefon mit einer Führungskraft von Cargill, ohne ausgebildeten Arbeitshygieniker und ohne Gespräche mit Beschäftigten vor Ort. Es wurden keine Anordnungen zur Einhaltung von Vorschriften erteilt.
Schlussfolgerungen
Die Forschenden, die der University of Regina und der Athabasca University angehören, sprechen von einem „katastrophalen Versagen der Aufsicht“. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Arbeitsschutzbehörde von Alberta die Verantwortung faktisch an AHS abgegeben hatte, obwohl der damalige Arbeitsminister diese Aufgabe nie formell übertragen hatte. Der Bericht weist außerdem darauf hin, dass Inspektoren bei der Wiedereröffnung am 4. Mai selbst N95-Masken und Gesichtsschilde trugen, während die Beschäftigten nur chirurgische Masken erhielten. Zudem bot Cargill einen einmaligen Anwesenheitsbonus von 500 kanadischen Dollar sowie zwei Dollar zusätzlichen Stundenlohn an, was laut dem Bericht kranke Beschäftigte dazu ermutigte, weiterzuarbeiten. AHS war darüber informiert, ordnete jedoch nicht an, dies zu stoppen. Die Belegschaft bestand größtenteils aus Neuankömmlingen, befristeten ausländischen Arbeitskräften und anderen Menschen in einer verwundbaren Lage; die Verbreitung wurde ohne Beleg auf ihre häusliche Situation zurückgeführt.
Empfehlungen
Der Bericht enthält 36 Empfehlungen. Die wichtigste ist eine öffentliche Entschuldigung der Provinzregierung, von AHS und der Arbeitsschutzbehörde gegenüber den Beschäftigten von Cargill. Die Forschenden fordern zudem eine Überprüfung der internen Prozesse der Arbeitsschutzbehörde, einschließlich der Besetzung von Stellen für Arbeitshygieniker; gesetzliche Änderungen, die festlegen, dass die Arbeitsschutzbehörde auch in Notsituationen die Leitung behält; sowie die Anwendung des Vorsorgeprinzips bei künftigen Ausbrüchen. Zudem sprechen sie sich dafür aus, dass die Einstufung als „wesentliche Dienstleistung“ über die Arbeitsschiedsstelle (labour board) erfolgen sollte.
Kontext
Kanadischen Medien zufolge hat die Provinz Alberta sechs Jahre nach dem Ausbruch noch immer keine öffentliche Rechenschaft abgelegt, und der Ausbruch fehlte in den offiziellen Auswertungen der Corona-Pandemie. Der Fall steht nicht allein: Auch in den USA und Teilen Europas führten Corona-Ausbrüche in der Fleischverarbeitungsindustrie zu Kritik an den Aufsichtsbehörden, da sich Produktionslinien schwer an Abstandsregeln anpassen lassen und viele Beschäftigte eng zusammenarbeiten müssen. Die US-Arbeitsschutzbehörde OSHA geriet damals ebenfalls in die Kritik, weil Notfallregeln für die Branche ausblieben. Gewerkschaften und Arbeitsrechtsorganisationen bezeichnen den Fall Cargill als Beispiel dafür, wie schwierig es ist, Verantwortung festzustellen, wenn die Aufsicht auf mehrere Stellen verteilt ist.
Quelle: Bericht bezeichnet Umgang mit Corona-Krise in Fleischfabrik als „katastrophales Versagen“, 1. Oktober 2026

