In der Region Niagara und der Stadt St. Catharines in der kanadischen Provinz Ontario wächst der Druck, die Verkehrssicherheit für migrantische Landarbeiter dringend zu verbessern. Seit 2019 wurden an fünf Orten in der Region sieben migrantische Landarbeiter getötet oder schwer verletzt, wie die Interessenvertretung Migrant Workers Alliance for Change (MWAC) laut dem Fachmedium Canadian Occupational Safety mitteilt. Der jüngste tödliche Unfall ereignete sich im Juni 2026: In Niagara-on-the-Lake wurde ein migrantischer Landarbeiter, der nach seiner Schicht mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, von einem Fahrer angefahren und getötet, der anschließend flüchtete. 2022 wurde ein anderer Arbeiter schwer verletzt, als er mit dem Fahrrad vom Waschsalon in St. Catharines zurückfuhr.
Eine Reihe von Unfällen auf Landstraßen
Laut MWAC-Co-Direktor Syed Hussan verfügen migrantische Landarbeiter in der Regel über kein eigenes Fahrzeug und sind deshalb auf Landstraßen angewiesen, die nicht für Radfahrer oder Fußgänger ausgelegt sind. Canadian Occupational Safety verweist zudem auf die Position der Arbeiter im Rahmen des Seasonal Agricultural Worker Program (SAWP), des kanadischen Programms für befristete Saisonarbeit in der Landwirtschaft: Aus Angst vor Entlassung schweigen sie häufig über unsichere Situationen. Da das Melden von Gefahren von den Arbeitern selbst abhängt, bleiben Risiken dadurch länger unentdeckt.
Forderung nach Straßenverbesserungen und Gesetzesänderung
Im Oktober 2026 brachte MWAC an den fünf Unfallorten sowie bei den Gemeindeämtern von Niagara-on-the-Lake, St. Catharines und Lincoln extra große, reflektierende Warnschilder an. Die Organisation fordert zudem Radwege, eine bessere Straßenbeleuchtung, sicherere Überwege und niedrigere Höchstgeschwindigkeiten auf Landstraßen. Mehr als die Hälfte der Gemeinderatskandidaten in den drei Gemeinden hat inzwischen eine Selbstverpflichtung unterzeichnet, Pläne zur Verkehrssicherheit für migrantische Arbeiter zu unterstützen. Fürsprecher drängen zudem auf eine Änderung des Ontario Coroners Act, damit eine Leichenschau (Inquest) bei einem tödlichen Unfall an einem landwirtschaftlichen Arbeitsplatz verpflichtend wird – wie es im Bau- und Bergbausektor bereits der Fall ist. St. Catharines konsultiert Arbeiter bereits formell bei städtischen Initiativen; Niagara-on-the-Lake erklärt, in dieser Ratsperiode bereits in die Verkehrssicherheit investiert zu haben, unter anderem durch Tempobegrenzungen, hatte die formelle Petition von MWAC zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aber noch nicht erhalten.
Kontext
Die von Fürsprechern angeprangerte Gesetzeslücke besteht schon länger und wurde bereits gerichtlich geprüft. Nach dem Ontario Coroners Act ist eine Leichenschau bei einem tödlichen Arbeitsunfall im Bau- oder Bergbausektor verpflichtend, in der Landwirtschaft jedoch nicht. Nachdem ein SAWP-Saisonarbeiter bei der Arbeit von einem Stahlbehälter tödlich zerquetscht worden war und das Office of the Chief Coroner wiederholt die Einleitung eines Inquests abgelehnt hatte, kam der Fall vor das Ontario Human Rights Tribunal, in einem Verfahren gegen das Ministry of Community Safety and Correctional Services. Das Tribunal erkannte zunächst an, dass migrantische Arbeiter aufgrund der Struktur des SAWP besonders verletzlich sind, entschied aber letztlich, dass die Unterscheidung nicht diskriminierend sei: Leichenschauen hätten im Bau- und Bergbausektor einen größeren präventiven Wert, da dort das Risiko höher und die Unfallursachen vielfältiger seien, so die Analyse der kanadischen Anwaltskanzlei Miller Thomson. Dieses Urteil bildet den rechtlichen Hintergrund der aktuellen Forderung nach einer Gesetzesänderung.
Quellen: Canadian Occupational Safety, Miller Thomson LLP.

