In Deutschland setzt sich ein neues Bewertungsraster zur Gewaltprävention am Arbeitsplatz zunehmend durch: das „Aachener Modell“, das die Unfallkasse NRW gemeinsam mit der Polizei Aachen entwickelt hat. Die Unfallkasse NRW ist der gesetzliche Unfallversicherungsträger für den öffentlichen Dienst in Nordrhein-Westfalen. Das Modell richtet sich an Arbeitsplätze mit intensivem Publikumsverkehr, die laut Quelle vor allem verbaler und psychischer Gewalt ausgesetzt sind. Nach Angaben des DGUV, des Dachverbands der gesetzlichen Unfallversicherung, geht inzwischen etwa jeder sechzigste gemeldete Arbeitsunfall auf Gewalt zurück.
Was beinhaltet das Aachener Modell?
Das Modell ordnet Arbeitsplätze vier Risikostufen zu, von niedrig bis hoch, und leitet daraus passende Schutzmaßnahmen ab. Die Stufen sind nicht starr voneinander abgegrenzt: Bei der Prävention muss stets auch die nächsthöhere Risikostufe mitgedacht werden. Ausgangspunkt ist eine „Nulltoleranz gegenüber Gewalthandlungen“. Gewaltprävention ist laut Modell eine Führungsaufgabe.
Wie verbreitet ist Gewalt am Arbeitsplatz?
Der DGUV verzeichnete 2022 mehr als 13.000 Arbeitsunfälle infolge von Gewalt, Bedrohungen und ähnlichen Vorfällen. Eine 2025 vom Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Gewerkschaftsdachverbands DGB durchgeführte Befragung von Beschäftigten im öffentlichen Dienst zeigt, dass die Hälfte der Befragten schon einmal bei der Arbeit behindert, beschimpft oder angegriffen wurde. 84 Prozent empfinden den Umgang miteinander als respektloser und rauer geworden. Zudem hatten 38 Prozent mit digitalen Formen von Gewalt zu tun, etwa Online-Drohungen, und 13 Prozent wurden dadurch unmittelbar zum Opfer. Bereits im Dezember 2023 hatte der DGUV die Kampagne „Gewalt angehen“ gestartet, um Arbeitgeber für das Risiko zu sensibilisieren.
Welche Maßnahmen können Arbeitgeber ergreifen?
Neben einer Risikobewertung je nach Tätigkeit oder Standort betont die Quelle vor allem die Bedeutung von Prävention im alltäglichen Umgang: Ein respektvoller Umgangston sowie eine offene, ehrliche Kommunikation seien deutlich wichtiger als einzelne technische oder organisatorische Maßnahmen. Konkret nennt die Quelle eine Unternehmenskultur mit einer klaren Nulltoleranzhaltung, Führungskräfte, die diese durchsetzen und nötigenfalls Sanktionen verhängen, sowie strukturelle Aufmerksamkeit für die psychische Belastung der Beschäftigten.
Kontext
Das Problem beschränkt sich nicht auf Deutschland. Schätzungen auf Basis der Crime Survey for England and Wales zufolge gab es 2024/25 in England und Wales 689.000 Vorfälle von Gewalt oder Bedrohung am Arbeitsplatz, von denen 329.000 Beschäftigte betroffen waren. Am höchsten ist das Risiko in Berufen mit Schutzfunktion (6,8 Prozent der Beschäftigten) sowie in unterstützenden Berufen im Gesundheits- und Sozialwesen (2,7 Prozent, im Schnitt über 2023/24-2024/25). Die Zahlen sind nicht direkt vergleichbar: Der DGUV zählt gemeldete Arbeitsunfälle, die HSE stützt sich auf eine Befragung. Beide zeigen jedoch, dass Gewalt gegen Beschäftigte kein Randphänomen ist.
Quelle: Haufe Arbeitsschutz: Aachener Modell: Gewaltprävention im Betrieb, 24. September 2026
Zusätzlich recherchiert: HSE, Violence at work statistics 2024/25

