Fast eine Million Beschäftigte in Großbritannien leiden unter arbeitsbedingtem Stress, Depressionen oder Angstzuständen. Das meldet die britische Arbeitsschutzbehörde HSE (Health and Safety Executive) anlässlich des Welttags der psychischen Gesundheit am 10. Oktober. Nach den jüngsten Zahlen der Labour Force Survey 2024/25 sind rund 964.000 Beschäftigte betroffen – das entspricht 52 % aller arbeitsbedingten Erkrankungen und 62 % aller dadurch verursachten Ausfalltage.
Das Ausmaß des Problems in Zahlen
Die Schätzung der HSE beruht auf der Labour Force Survey, einer fortlaufenden Haushaltsbefragung, in der Beschäftigte selbst angeben, ob sie unter Beschwerden leiden, die durch ihre Arbeit verursacht oder verschlimmert wurden. Arbeitsbedingter Stress, Depressionen und Angstzustände führten 2024/25 zu 22,1 Millionen verlorenen Arbeitstagen in Großbritannien. Diese Abgrenzung ist bewusst gewählt: Die Zahlen gelten für England, Schottland und Wales. Nordirland, das zwar Teil des Vereinigten Königreichs ist, fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich der HSE und hat eine eigene Aufsichtsbehörde, die HSENI. Mit mehr als der Hälfte aller arbeitsbedingten Erkrankungen und fast zwei Dritteln der dadurch verursachten Fehlzeiten sind psychische Beschwerden die wichtigste Kategorie in der britischen Statistik.
Was die Aufsichtsbehörde von Arbeitgebern erwartet
Kayleigh Roberts, bei der HSE verantwortlich für die Politik zu arbeitsbedingtem Stress, ruft Arbeitgeber dazu auf, ihren Beschäftigten zuzuhören und entsprechend zu handeln. Ein offenes Gespräch helfe dabei zu verstehen, welchem Druck Menschen bei der Arbeit ausgesetzt sind und wo Stressrisiken liegen könnten. Zuhören sei laut HSE jedoch nur der erste Schritt. „Arbeitsbedingten Stress zu verhindern bedeutet, auf das zu reagieren, was man hört“, so Roberts. Arbeitgeber müssten die Risiken benennen, Maßnahmen ergreifen und prüfen, ob diese wirken. Als Beispiele nennt sie die Überprüfung der Arbeitsbelastung, eine bessere Kommunikation, mehr Mitspracherecht für Beschäftigte bei ihrer Arbeit und eine bessere Unterstützung.
Arbeitgeber in Großbritannien sind gesetzlich verpflichtet, das Risiko arbeitsbedingter Stresserkrankungen zu bewerten und zu steuern. Diese Pflicht ergibt sich aus den Management of Health and Safety at Work Regulations 1999, die eine Risikobewertung aller Arbeitstätigkeiten vorschreiben. Die HSE unterstützt Arbeitgeber dabei mit der Kampagne Working Minds, die auf einem risikobasierten Ansatz nach den Management Standards der HSE beruht. Dazu gehören unter anderem das Stress Talking Toolkit, eine Sammlung strukturierter Gesprächsfragen, sowie Instrumente zur Bewertung des Stressrisikos.
Kontext
Auch anderswo in Europa bleibt psychosoziale Belastung ein anhaltendes Problem. Laut der OSH-Pulse-Erhebung 2025 der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) leiden 29 % der Beschäftigten in der EU unter Stress, Depressionen oder Angstzuständen. Mehr als 40 % der Befragten berichten von starkem Zeitdruck, und fast 30 % geben eine schlechte Kommunikation oder Zusammenarbeit am Arbeitsplatz an. Die europäischen und britischen Zahlen sind nicht direkt vergleichbar: Die OSH-Pulse-Erhebung fragt nach erlebten Beschwerden, während die Labour Force Survey nur Beschwerden zählt, die Beschäftigte selbst ihrer Arbeit zuschreiben.
International wächst die Erkenntnis, dass psychosoziale Risiken ebenso ernst genommen werden müssen wie physische Sicherheitsrisiken am Arbeitsplatz. In vielen Rechtsordnungen mit vergleichbarer Arbeitsschutzgesetzgebung gelten Stress und Arbeitsbelastung als fester Bestandteil der regulären Risikobewertung, statt psychische Gesundheit als separates oder zweitrangiges Thema zu behandeln. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Gestaltung der Arbeit selbst – etwa Arbeitsbelastung, Kommunikation und das Mitspracherecht der Beschäftigten – und weniger darauf, wie einzelne Beschäftigte mit Druck umgehen.
Quelle: Welttag der psychischen Gesundheit: Zuhören, erkennen und handeln bei arbeitsbedingtem Stress, 10. Oktober 2026
Zusätzlich recherchiert: EU-OSHA, Welttag der psychischen Gesundheit: 29 % der EU-Beschäftigten leiden unter Stress, Depressionen oder Angstzuständen (OSH Pulse 2025)

