Was ist in Peterborough los?
Das Rettungsdienstpersonal in Peterborough, Kanada, hat mit überwältigender Mehrheit für ein Streikmandat gestimmt: Von den 187 abstimmenden Mitgliedern bei Peterborough City-County Paramedics (PCCP) stimmten 99 Prozent (185 Personen) dafür. Es ist das erste Streikmandat in der Geschichte des Dienstes. Die Gewerkschaft Canadian Union of Public Employees (CUPE), Local 4911, die rund 193 Rettungssanitäter vertritt, sieht das Ergebnis als klares Signal der Unzufriedenheit unter dem Personal.
Nach Angaben der Gewerkschaft dreht sich der Konflikt um vier Punkte: mehr Unterstützung bei der psychischen Gesundheit, Personalbindung und -gewinnung, Lohngleichheit mit Polizei und Feuerwehr sowie eine bessere Work-Life-Balance. Die derzeitige Erstattung für psychologische Betreuung beträgt laut CUPE nur 500 kanadische Dollar pro Jahr — genug für etwa drei bis dreieinhalb Therapiesitzungen. Die Gewerkschaft fordert eine deutliche Erhöhung dieser Erstattung.
Wie weit verbreitet ist das Problem?
Die von der Gewerkschaft vorgelegten Zahlen deuten auf einen strukturellen Personalverlust hin. In drei Jahren stellte PCCP 72 Rettungssanitäter ein, verlor aber 54 Mitarbeitende; allein 2025 kamen 20 hinzu gegenüber 23 Abgängen, oft erfahrene Kollegen, die zur Polizei, Feuerwehr oder in andere Berufe wechselten. Die Zahl der verletzungsbedingten Fehlzeiten stieg zwischen 2024 und 2025 um 50 Prozent, und 2025 waren 14 Prozent der Vollzeit-Rettungssanitäter wegen Verletzungen abwesend — verursacht durch Gewalt gegen Einsatzkräfte, stressbedingte Fehlzeiten, posttraumatische Beschwerden und körperliche Überlastung. Auch die Zahl der Einsätze ist in den vergangenen fünf Jahren stark gestiegen, unter anderem durch mehr Meldungen im Zusammenhang mit Obdachlosigkeit, psychischen Problemen und Drogenkonsum.
Peterborough steht nicht allein. Laut dem kanadischen Magazin The Walrus gaben in einer CUPE-Umfrage aus dem Jahr 2021 83 Prozent der Rettungssanitäter in der Provinz Ontario an, dass die Arbeitsbelastung ihrer körperlichen oder psychischen Gesundheit schadet. Eine Studie zu Daten des ontarischen Unfallversicherers WSIB ergab, dass Rettungssanitäter zwischen 2017 und 2021 den höchsten Anteil an Ansprüchen wegen psychischer Stressverletzungen unter allen Berufsgruppen der öffentlichen Sicherheit hatten. In der Region Manitoulin-Sudbury stiegen die Überstunden zwischen 2019 und 2023 auf das Achtzehnfache, und Toronto verlor im selben Zeitraum mehr als 500 Rettungssanitäter. Der Dienst in Rainy River im Norden Ontarios verfügt über 31 Rettungssanitäter, benötigt würden jedoch 46 Vollzeitstellen. Personalmangel, steigende Fehlzeiten und psychosoziale Belastung bei Rettungsdiensten sind Signale, die auch außerhalb Kanadas bei Einsatzkräften erkennbar sind.
Ein Streikmandat bedeutet nicht automatisch einen Streik: Es gibt der Gewerkschaft das Recht, eine Streikankündigung einzureichen, falls die Verhandlungen scheitern. Die Parteien kehren am 6. Oktober 2026 an den Verhandlungstisch zurück, mit einem Vermittler des Ontario Labour Relations Board. Scheitern diese Gespräche, kann die Gewerkschaft eine „No-Board“-Meldung einreichen, wodurch eine gesetzliche Frist von 17 Tagen beginnt; ein Streik könnte dann frühestens um den 25. Oktober 2026 beginnen. Da der Rettungsdienst in Ontario einem speziellen Gesetz unterliegt, bliebe die Notfallversorgung (die Notrufnummer 911) garantiert, doch die Zahl der einsatzbereiten Rettungswagen würde um 44 bis 46 Prozent sinken — mit voraussichtlich längeren Wartezeiten bei weniger dringenden Einsätzen.
Kontext
Dass die Situation in Peterborough kein Einzelfall ist, zeigen umfassendere Berichte über den Rettungsdienstsektor in Ontario: Personalmangel, extreme Überstunden und steigende Verletzungs- und Stressansprüche prägen die Branche seit Jahren, von kleinen regionalen Diensten bis zum städtischen Dienst von Toronto. Gewerkschaften verweisen auf steigende Einsatzzahlen, Gewalt gegen Einsatzkräfte und begrenzten Zugang zu psychologischer Versorgung als strukturelle Ursachen für die Abwanderung erfahrenen Personals.
Quelle: Paramedic burnout drives historic strike vote in Peterborough, 2. Oktober 2026; ergänzend: The Walrus

