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Sind Sicherheitsslogans noch zeitgemäß?

Grünes Fluchtwegschild mit Pfeil nach unten an einer Ziegelwand
SymbolbildFoto: Pixel Shot / Unsplash

Mehr als ein Jahrhundert lang hingen sie in Fabriken und auf Baustellen: kurze, eindringliche Sicherheitssprüche wie „Stay alert, don’t get hurt“. Passen sie aber noch zu der Art, wie Unternehmen heute über Sicherheit denken? Laut Dave Johnson, von 1980 bis 2020 Chefredakteur des US-Fachmagazins ISHN und heute Editor-at-Large, nur unter bestimmten Bedingungen. In einem Meinungsbeitrag argumentiert er, dass der klassische Slogan schlecht zum modernen, systemorientierten Sicherheitsdenken passt.

Von persönlicher Schuld zum Systemdenken

Johnson schildert, wie die amerikanischen Eisenbahnen 1873 den Slogan „safety first“ einführten, um die Öffentlichkeit zu beruhigen. Um 1900 starben in den USA schätzungsweise jährlich 25.000 bis 35.000 Arbeiter bei Industrieunfällen. Laut Johnson dienten Slogans als Gedächtnisstütze, um Arbeiter wachsam zu halten, und legten die Verantwortung damit beim Arbeiter selbst. Diese Betonung erhielt 1931 durch H.W. Heinrich einen wissenschaftlichen Anstrich, der behauptete, dass 88 Prozent der Unfälle durch unsicheres Verhalten von Arbeitern verursacht wurden.

Dem stellt Johnson den heutigen „Safety 2.0″-Ansatz gegenüber, der auf Human and Organizational Performance (HOP) basiert: Nicht das Individuum, das einen Fehler macht, steht im Mittelpunkt, sondern das System, die Arbeitsbedingungen und die Führung. Er fragt sich, wo die griffigen Slogans für Führungskräfte und Management waren: Sie seien seiner Ansicht nach nie Zielgruppe von Slogans gewesen und auch nie darauf angesprochen worden.

Kein Plädoyer, alles abzuschaffen

Der Beitrag ist ein Meinungsstück eines erfahrenen Branchenbeobachters, kein Forschungsbericht. Johnson nennt auch Zahlen: Die erste offizielle Zählung von 1913 ergab rund 23.000 tödliche Arbeitsunfälle; 2024 waren es 5.070. Einen kausalen Zusammenhang zwischen Slogans und diesem Rückgang stellt er nicht her. Sein Fazit ist differenziert: Seiner Ansicht nach gibt es keinen Grund, jeden Sicherheitsslogan abzuschaffen. Gestützt durch sichtbare Sicherheitswerte und Taten der Führung können sie eine positive Erinnerung sein, sollten sich aber nicht ausschließlich an den Arbeiter richten.

Kontext

Heinrichs vielzitierte 88-Prozent-Zahl steht seit Jahren in der Kritik. Der Sicherheitsexperte Fred Manuele bezeichnete dieses Verhältnis 2011 gegenüber Safety+Health Magazine als die Annahme, die der Branche „den größten Schaden“ zugefügt habe, weil Prävention sich dadurch auf den Arbeiter statt auf das System richtet, in dem die Arbeit stattfindet. Die Beraterin Judith Erickson wies darauf hin, dass Heinrich sich auf nachträglich von Vorgesetzten erstellte Unfallberichte stützte, ohne Untersuchung der zugrunde liegenden Ursachen, und dass seine Originalunterlagen nicht mehr existieren, wodurch sein Werk nicht überprüfbar ist.

Forschung unter anderem des amerikanischen CDC/NIOSH zum „safety climate“ stützt den übergeordneten Punkt hinter Johnsons Argumentation: Wie Führungskräfte Sicherheit priorisieren und vorleben, hängt mit der Sicherheitsleistung am Arbeitsplatz zusammen. Das beweist nicht, dass Slogans an sich schädlich oder nutzlos sind, unterstreicht aber, dass sie ohne strukturelle Maßnahmen und engagierte Führung wenig bedeuten.

Quelle: Do Safety Slogans Still Serve a Purpose?, 30. September 2026

Zusätzlich recherchiert: Kritik an H.W. Heinrichs Unfallquote (Fred Manuele, Judith Erickson, via Safety+Health Magazine) und CDC/NIOSH-Forschung zu Safety Climate und Arbeitsplatzsicherheit.

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