Sicherheitsschulungen vermitteln Beschäftigten Verfahren und die Fähigkeit, Risiken zu erkennen. Doch genau in dem Moment, in dem es wirklich darauf ankommt – bei einem Notfall oder unter akutem Zeitdruck – steht dieses Wissen laut einem US-amerikanischen Sicherheitsberater häufig nicht zur Verfügung. Das behauptet Leo Damone in einem Meinungsbeitrag in der Fachzeitschrift ISHN (USA), veröffentlicht am 28. September 2026. Damone zufolge greifen Menschen unter akutem Stress nicht auf das zurück, was sie wissen, sondern auf das, was sie eingeübt haben.
Warum wirken Sicherheitsschulungen nicht immer?
Damone vertritt die These, dass das Gehirn bei akuter Bedrohung automatisch auf Überlebensreaktionen wie Kampf, Flucht oder Erstarren umschaltet – auf Kosten der bewussten, analytischen Verarbeitung, die in einer klassischen Schulung angesprochen wird. Wissen, das ausschließlich in einer ruhigen, sicheren Lernumgebung erworben wurde, bleibe seiner Ansicht nach oft unzugänglich, sobald der Körper in eine Stressreaktion gerät. Das würde erklären, warum Beschäftigte, die eine Schulung erfolgreich abgeschlossen haben, in einer akuten Situation dennoch falsch – oder gar nicht – reagieren. Der Meinungsbeitrag stützt diese Behauptung nicht mit Forschung oder Zahlen.
Was macht Schulungen wirksamer?
Unabhängig von der Stressfrage hat unabhängige Forschung untersucht, welche Schulungsformen am wirksamsten sind. Laut einer Metaanalyse von Burke et al., zitiert in einer systematischen Literaturübersicht der US-amerikanischen Arbeitsschutzbehörde NIOSH, waren Schulungen mit Verhaltensmodellen, umfangreicher praktischer Übung und Dialog in der Regel wirksamer als Schulungen, die vor allem aus passiver Informationsvermittlung bestehen, etwa ein Video oder eine Präsentation. Die Forscher (Burke et al.) unterscheiden dabei grob drei Beteiligungsstufen: passive Informationsvermittlung, Interaktion mit Feedback und praxisnahes Üben in einer simulierten oder realen Arbeitsumgebung. Wissenserwerb und der tatsächliche Rückgang von Unfällen und Verletzungen hingen nachweislich mit diesem Beteiligungsgrad zusammen.
Kontext
Die NIOSH-Literaturübersicht (Publikationsnr. 2010-127) kommt zu dem Schluss, dass Schulungen einen nachweisbaren Effekt auf sicheres Arbeitsverhalten haben, fand jedoch keine ausreichenden Belege für einen direkten Effekt auf Verletzungen und Erkrankungen. Die Studie zitiert jedoch die Metaanalyse von Burke et al., die zeigt, dass Wissenserwerb und der tatsächliche Rückgang von Unfällen und Verletzungen mit dem Grad der aktiven Einbindung der Beschäftigten in die Schulung zusammenhingen. NIOSH kommt weiter zu dem Schluss, dass die Unterstützung durch das Management entscheidend ist, um neues Wissen und neue Fertigkeiten in den Arbeitsalltag zu übertragen, und dass die besten Ergebnisse erzielt werden, wenn Beschäftigte nach einer Schulung die Gelegenheit erhalten, das Gelernte anzuwenden, oder wenn dieses Verhalten durch Unternehmenspolitik und Arbeitsklima verstärkt wird.
Quelle: The Moment Training Doesn’t Reach, 28. September 2026
Zusätzlich recherchiert: systematische Literaturübersicht des NIOSH, „A Systematic Review of the Effectiveness of Training and Education for the Protection of Workers“ (Publikationsnr. 2010-127)

