Die Raumluftqualität (Indoor Air Quality, IAQ) wird zunehmend als Frage des Arbeitsschutzes anerkannt und nicht mehr nur als Komfortthema betrachtet. Dennoch fehlt es in den Vereinigten Staaten weiterhin an einer umfassenden OSHA-Norm, die IAQ-Anforderungen verbindlich regelt. Ein aktueller Beitrag im ISHN Magazine beschreibt, wie EHS-Fachleute diese regulatorische Lücke mit bestehenden technischen Normen und einem strukturierten Kontrollansatz schließen können. Für Leser außerhalb der USA gilt: OSHA und die im Folgenden genannten ASHRAE-Normen sind amerikanisch; in anderen Ländern gelten eigene gesetzliche Rahmenbedingungen für die Raumluftqualität.
Zwei maßgebliche Normen
In Ermangelung einer verbindlichen bundesweiten IAQ-Norm stützt sich die Praxis in den USA weitgehend auf freiwillige technische Normen der ASHRAE. Die Norm 62.1 legt Lüftungsraten und Anforderungen an die Anlagenauslegung für gewerbliche Gebäude fest; die Ausgabe 2025 ergänzt strengere Anforderungen an Feuchteregulierung und Filtration. Die Norm 241 zielt gezielt auf die Verringerung der Exposition gegenüber infektiösen Aerosolen ab und führt dazu das Konzept der „äquivalenten sauberen Luftstromrate“ ein, eine Kennzahl zur Bestimmung, wie viel wirksam gefilterte oder frische Luft erforderlich ist, um das Infektionsrisiko zu begrenzen. Beide Normen sind rechtlich nicht bindend, werden in der Praxis in den USA jedoch häufig als faktischer Sorgfaltsmaßstab herangezogen.
Vier Kontrollebenen
Der Beitrag beschreibt eine mehrstufige Kontrollstrategie, die EHS-Teams unabhängig von einer gesetzlichen Verpflichtung anwenden können. Die erste Ebene ist die Quellenkontrolle: Wasserschäden zügig beheben und Tätigkeiten mit hohen Emissionen vom übrigen Gebäude isolieren. Die zweite Ebene besteht in der regelmäßigen Bewertung der Lüftungsanlagen, um zu bestätigen, dass die Systeme tatsächlich wie ursprünglich ausgelegt funktionieren. Die dritte Ebene betrifft Filtration und Luftreinigung, gestützt auf dokumentierte Bewertungen von Anbietern und Geräten. Die vierte Ebene umfasst verstärkte Maßnahmen bei außergewöhnlichen Umständen wie Waldbrandrauch, Krankheitsausbrüchen oder Ausfällen der Klimaanlagen.
Von der Richtlinie zur Praxis
Der Kerngedanke ist, dass IAQ nicht als einmaliges Projekt behandelt werden sollte, sondern als fortlaufendes Managementsystem. Das beginnt mit einer Ausgangsbewertung der aktuellen Luftqualität, gefolgt von einer kontinuierlichen Leistungsüberwachung anhand vorab festgelegter Handlungsschwellen, bei deren Überschreitung eingegriffen werden muss. Die Schulung der Mitarbeitenden ist dabei ein wesentlicher Bestandteil, ebenso wie die vollständige Dokumentation aller Entscheidungen und Korrekturmaßnahmen. Diese Dokumentation ist nicht nur für die interne Qualitätssicherung nützlich, sondern kann auch belegen, dass eine Organisation sorgfältig gehandelt hat, sollte es zu einer Beschwerde oder einem Vorfall kommen.
Für EHS-Fachleute weltweit reicht diese Botschaft weit über den amerikanischen Kontext hinaus: Auch dort, wo keine gesetzliche IAQ-Norm besteht, bietet ein strukturierter, dokumentierter Ansatz mit klaren Handlungsschwellen eine solide Grundlage, um die Raumluftqualität ernsthaft und nachweisbar zu managen.
Quelle: From IAQ Guidelines to an Actionable Workplace Air Quality Program, 11. September 2026, https://www.ishn.com/articles/115594-from-iaq-guidelines-to-an-actionable-workplace-air-quality-program

